Wie man Schulen digitalisiert und wie nicht – Medienbildung auf der re:publica 2019

tl;dr »Too long; didn’t read« - Das Motto der re.publica 2019

tl;dr »Too long; didn’t read« – Das Motto der re.publica 2019

Vorgestern wurde die re:publica beendet. Die re:publica ist Europas größte Konferenz über die digitale Gesellschaft. Erstmals erhielt der Themenkomplex Medienbildung seinen eigenen Bereich: Auf der re:learn-Stage diskutierten Lehrkräfte und Medienpädagogen sowohl über ihre Ideen einer zeitgemäßen Bildung, als auch über realisierte Digital-Projekte an Schulen, Kitas und Universitäten. Darüber hinaus stellten sich Schulen vor, in denen bereits seit Jahren ein digitaler Unterricht stattfindet. Ingesamt gab es auf der re:learn-Stage 34 Talks. Zwei davon möchte ich hier vorstellen. In beiden geht es darum, wie man Schulen digitalisieren kann und wie nicht. 

tl;dr hieß das Motto der diesjährigen re:publica. Die vier Buchstaben stehen für „too long; didn’t read“„zu lang; nicht gelesen“. Damit wollten die Macher der Konferenz, allen voran: Markus Beckedahl von netzpolitik.org, auf die Problematik hinweisen, dass im digitalen, wie im analogen Raum längere Texte – wie diese hier auf meinem Blog – nicht (mehr) gelesen werden, weil sie schlicht zu lang sind. Das ist schade, weil so komplexe Inhalte und fundierte Argumente nicht mehr vermittelt werden können.

Die re:publica fand in der STATION Berlin statt. Unweit davon, im 4. und 5. Stock des benachbarten Kühlhauses wurde die re:learn-Stage aufgebaut. Dort trafen sich zahlreiche Medienpädagogen und Lehrkräfte, um über die Digitalisierung von Bildungseinrichtungen, insb. von Schulen, zu diskutieren. Das Motto „tl;dr“ kam auch zur Sprache. So z.B. in einem Workshop über Sketchnotes. Sketchnotes sind Notizen, die aus Text, Bild und Strukturen bestehen. Mit ihnen können z.B. längere Texte oder Vorträge übersichtlich veranschaulicht werden. Im Gegensatz zu Mind-Maps gehören zu ihnen auch kleine Grafiken und Bilder, die schnell gezeichnet werden.

In den weiteren Talks der re:learn-Stage standen dann aber doch dringlichere Fragen im Raum, z.B. Welche Kompetenzen brauchen Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert?oder Wie sollte Schule nicht digitalisiert werden?“. Es stellte sich insgesamt heraus: Es gibt viele gute „Leutturmschulen“ und Medienprojekte in Deutschlands Schulen. In der Fläche finden wir aber immer noch Vorbehalte, Unsicherheiten und Fehlplanungen vor. Bei ängstlichen Lehrkräften, bei unsicheren Schulleitungen und vor allem: in der Bildungspolitik. Letztere bietet zwar positive Ansätze. Bei der digitalen Transformation von Schulen, insb. bei der Mittelausstattung, denkt sie aber viel zu kurz.

Dies zeigte sich u.a. im Talk von Dominik Theis:

#1: Dominik Theis: Wie Bildung nicht digitalisiert werden sollte

Dominik Theis ist Sprecher für das Bündnis Freie Bildung. Der Zusammenschluss aus Schule, Hochschule und Wissensgesellschaft setzt sich seit Jahren für freie Lehr- und Lernmaterialen (Open Educational Ressources, kurz: OER) ein. Aber auch für eine freie und offene pädagogische Praxis. So z.B. für mehr Demokratie an Schulen.

Die Entwicklung in der Bildungspolitik scheint, so Dominik Theis, auf den ersten Blick gut zu sein: Es gibt OER-Förderungen, z.B beim BMBF. Außerdem wurde die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ verabschiedet. Und das bereits 2016. Beides kommt aber heute, Mitte 2019, in den Schulen nicht an: Über 50% der Lehrkräfte nutzen das Internet selten oder nie in der Schule. Die notwendige digitale Transformation der Schulen findet in Deutschland – in der Fläche – nicht statt.

Woran liegt das? Die Antwort liegt auf der Hand: Es fehlt an ausreichend finanziellen Mitteln, um eine beständige digitale Praxis in den Schulen zu etablieren. Es fehlt an kompetentem Personal, weil die Lehrerbildung in den Universitäten das Lehren mit digitalen Medien überhaupt nicht vermittelt. Es fehlt an Fort- und Weiterbildungen. Lehrer finden keine Unterstützung. Es fehlt in den Schulen an Geld für Hardware und für Software-Lizenzen. Es mangelt an Zeit und Raum, um Schulen zeitgemäß zu entwickeln.

Der „Digital-Pakt“ der Bundesregierung, der das Problem der Finanzierung beheben sollte, stellt sich inzwischen als Fehlplanung heraus. Dieser reduziert die Komplexität der Medienbildung auf die Bereitstellung von Hardware. Die 5 Milliarden Euro (500 Euro pro Schüler!) wurden rein investiv angelegt. Konsumtive Ausgaben, z.B. für Personal, sieht dieser gar nicht vor: Systemadministratoren, IT-Berater für Lehrkräfte, zusätzliche Medienpädagogen oder e-Learning-Spezialisten können nicht zusätzlich eingestellt werden. Lehrkräfte werden auch nicht mit den Mitteln des Digital-Pakts fortgebildet, um Geräte nutzen zu können. Im Endeffekt werden ihnen keine Anreize geboten, um sich mit den Geräten auseinandersetzen.

OER ist im Digital-Pakt auch kein Thema. So schreibt zusammenfassend der Bayrische Rundfunk über Dominiks Talk:

Der Koalitionsvertrag sieht eigentlich vor, dass Open Educational Ressources gestärkt werden sollen, in der Praxis allerdings ist bislang wenig passiert, kritisiert Theis. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, freie Lehrmaterialien zu fördern. Schon heute erstellen Lehrer eigene Arbeitsblätter, die sie teilen und weitergeben.

Das soll in Zukunft eher die Regel als die Ausnahmen sein. Aktivisten wie Theis fordern beispielsweise, dass Lehrern eine Stunde in der Woche die Möglichkeit gegeben werden soll, sich mit offenen Lehrmaterialien und Open Source-Systemen zu beschäftigen.

Ingesamt zeichnet das Bündnis Freie Bildung ein eher negatives Bild von der Digitalisierung der Schulen in Deutschland.

Der gesamte Talk kann hier angesehen werden:

Wie es besser machen? Ein Blick nach Skandinavien lohnt sich, nach Berlin-Mariendorf auch:

#2: Jacob Chammon: Wie Schule digitalisiert werden sollte – Die Deutsch-Skandinavische Gemeinschaftsschule in Berlin-Mariendorf

Wie dagegen eine zeitgemäße Bildung sowohl in der Fläche als auch in einer Schule ganz konkret gelingen kann, verdeutlichte Jacob Chammon, Schulleiter der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule. Dort lernen Kinder und Jugendliche von der 1. bis zur 10. Klasse in insgesamt fünf Sprach-Linien: schwedisch, dänisch, norwegisch, englisch und deutsch. Allein die Mehrsprachigkeit und das gemeinsame Lernen von der Einschulung bis zum MSA ist keine Selbstverständlichkeit in Deutschland. Beeindruckend ist aber vor allem die offene Haltung der Schule zur Digitalisierung.

Jacob Chammnon meint, dass Deutschland sich zurzeit in einer „Digitalisierungswüste“ befindet. Dabei kann und muss die Bundesrepublik von den nordischen Ländern lernen. So ist z.B. die Vermittlung von digitalen Kompetenzen in Dänemarks Schulen längst flächendeckend etabliert. Bereits 1995 war es dort möglich, seine Abschlüssprüfung auf dem PC zu schreiben und das eigene Gerät dafür zu nutzen. Seit 2015 gibt es in Dänemark digitale Vergleichsarbeiten und Abschlussprüfungen. Seit 2017 muss das Internet in Prüfungen verwendet werden.

In Dänemark ist auch das Personal vorhanden, um digital in Schulen zu unterrichten. So gibt es an jeder Schule in Dänemark eine „Fachbereichsleitung IT“, die Lehrkräfte und Schüler vor Ort coacht und begleitet. Und selbstverständlich gibt es in Dänemark ein vernünftiges Lehrerbildungskonzept: Dort kann jeder „Future Classroom Skills“ erwerben, der Lehrer werden möchte. Und die Weiterbildung findet nicht in einer Woche statt, sondern regelmäßig in der Schule, praktisch vor Ort, zusammen mit den Schülerinnen und Schülern.

Soweit zu Dänemark. Nun zu Berlin:

In der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule (DSG) im Bezirk Mariendorf gibt es heute Laptops, interaktive Tafeln, Tablets, WLAN und Microsoft Office 365 für alle. Smartphones sind nicht verboten. Ihr Einsatz ist für die verschiedenen Klassenstufen pädagogisch sinnvoll reglementiert. Softwareseitig werden Lernportale (insb. aus skandinavischen Ländern), elektronische Wörterbücher und weitere digitale Materialien genutzt. Auch soziale Netzwerke wie z.B. Twitter oder Instagram finden ihre Anwendung, z.B. im Englisch-Unterricht.

Digitale Kompetenzen werden nicht nur vermittelt, sondern auch abgefragt. In der Präsentationsprüfung im MSA reicht es bei weitem nicht aus, „nur eine Power-Point-Präsentation zu basteln“, so Jakob Chammon. Datensammlung, Videoproduktion und Bildbearbeitung sind Fähigkeiten, die Schülerinnen und Schüler an der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule beherrschen müssen. Und natürlich sollen Schülerprojekte auch von den Kindern und Jugendlichen selbst dokumentiert werden. Dies sind alles Kompetenzen, die Jacob Chammon „21 Century Skills“ nennt.

Insgesamt steht das individuelle Lernen an der DSG im Vordergrund. Die Schule orientiert sich an Maria Montessori, die, so Jacob Chammon, zu ihrer Zeit als Wissenschaftlerin an jeder Schule einen Maker-Space eingerichtet hätte. Tatsächlich hat die Deutsch-Skandinavische Gemeinschaftsschule – als warscheinlich einzige Schule in ganz Berlin – einen Maker-Space. Dort gibt es u.a. einen Green Screen für Videorproduktionen und einen 3D-Drucker.

Alles in allem plädiert Jacob Chammnon für mehr Mut. Deutschland braucht ein klares „JA“ zur Digitalisierung der Schulen und des Unterrichts. Dabei kann und soll man auch Fehler machen dürfen.

Hier der Talk in Gänze:

Fazit: Wie man Schulen digitalisiert und wie nicht

Beide Talks machen eines deutlich: Wir können uns in Deutschland auf dem „Digital-Pakt“ nicht ausruhen. Dieser ist viel zu kurz gedacht. Die reine Fixierung auf Hardware muss in der Medienbildung ein Ende finden. Vielmehr muss es darum gehen, zunächst eine Haltung in den Schulen zu entwickeln. Dahingehend, dass es zwingend notwendig ist, Kinder und Jugendliche digitale Basis-Kompetenzen zu vermitteln, die im 21. Jahrhundert gebraucht werden. Von der Anwendung unterschiedlicher Learn-Apps, über die Bild- und Videobearbeitung bis zur Präsentation multimedialer Produkte. All das lässt sich nicht analog vermitteln. Das muss klar werden. Um all das zu lehren, braucht es einerseits gutes und top ausgebildetes Personal und andererseits freie und offene digitale Lehr- und Lernmaterialien, die man individuell auf die Lernziele der Schülerinnen und Schüler angepassen können sollte. Deutschland muss da noch einen langen Weg gehen. Und es wäre gut, sofort zu starten und nicht zu warten.

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