SchuleEins in Berlin-Pankow bietet Smartphone-Führerschein an – Warum ist Medienbildung eine Nachricht wert?

SchuleEins Berlin Pankow

SchuleEins in Berlin Pankow

Der Berliner Kurier berichtete am 14. April von der SchuleEins in Berlin-Pankow. Dort sollen nun alle Schülerinnen und Schüler einen „Smartphone-Führerschein“ machen. Ich frage mich: Warum ist das eine Nachricht wert? Digitale Bildung ist nichts Neues. Der Erwerb von Medienkompetenz ist seit Jahren ein Thema in Berlin – auch im Rahmenlehrplan.

Die Nachricht des Berliner Kuriers ist kurz und knapp gehalten:

Fast jeder Schüler hat heutzutage ein Smartphone, schon Zehnjährige sind mit ihrem Handy ständig online und schreiben Nachrichten. Die wenigsten Eltern wissen, was ihre Kinder mit den Smartphones so alles anstellen. Eine Privatschule in Pankow, die Schule Eins, direkt am S- und U-Bahnhof gelegen, bietet nun schon Fünftklässlern einen selbstentwickelten „Smartphone-Führerschein“ an.

Der Smartphone-Führerschein erinnert an den Computer-Führerschein comp@ass, der seit 2001 – seit 18 Jahren! – in Berliner Freizeitzentren gemacht werden kann. Der Erwerb von Medienkompetenz ist nichts Neues in Berlin. 

Daher frage ich mich: Warum ist das Erlernen des Umgangs mit dem Smartphone in der Schule eine Nachricht wert? Was werde ich morgen im Berliner Kurier lesen? Dass im Geografie-Unterricht der Klimawandel behandelt wird? Dass politische Bildung ein Thema in Berliner Schulen ist? Moment. War da nicht was? Ich schweife ab.

Medienbildung bereits im Berliner Rahmenlehrplan verankert

Tatsache ist: Medienbildung ist seit dem Schuljahr 2017/18 ein integraler Bestandteil des Berliner Rahmenlehrplans für die Klassenstufen 1-10. Dieser besteht aus 3 Teilen: Im Teil A geht es um allgemeine Bildungsziele. Im Teil C um die Kompetenzen und Lernziele in den jeweiligen Schulfächern.

Spannend ist der Teil B: Dieser beschreibt „überfachliche Kompetenzen“. Neben Themen wie Berufs- und Studienorientierung, Demokratie und Nachhaltige globale Entwicklung nimmt die Medienbildung im Kapitel 2 sehr viel Raum ein. Auf insgesamt 11 Seiten werden Lernziele formuliert, um Kinder und Jugendliche im Umgang mit Medien fit zu machen – nicht nur, aber auch im Umgang mit dem Smartphone.

Welche Medienkompetenzen sollen Berliner Schülerinnen und Schüler erwerben?

Die Senatsverwaltung für Bildung stellt im Rahmenlehrplan sechs Kompetenzbereiche vor:

 

Standards der Medienbildung in Berlin

Standards der Medienbildung in Berlin

 

Hier eine Übersicht über die Lernziele in den Kompetenzbereichen:

Im Bereich Informieren sollen Schülerinnen und Schüler u.a.

  • Suchmaschinen sachgerecht als Recherchewerkzeuge nutzen
  • bei der Nutzung von Suchmaschinen die Suchergebnisse und ihr Zustandekommen kritisch reflektieren
  • die ausgewählten Informationen strukturiert unter Beachtung grundlegender Zitierregeln sowie des Urheberrechts bearbeiten und diese medial aufbereiten

Im Bereich Kommunzieren sollen Schülerinnen und Schüler

  • Kommunikations-Medien aus ihrer Lebenswelt auswählen und diese sachgerecht
    anwenden
  • Regeln der verantwortungsbewussten Kommunikation mit Medien aus ihrer Lebenswelt heraus benennen und diese anwenden
  • ausgewählte Aspekte des Urheber- und Persönlichkeits-Rechts sowie des Datenschutzes bei der medialen Kommunikation beschreiben und beachten

Im Bereich Präsentieren sollen Schülerinnen und Schüler u.a.

  • Gestaltungs-Elemente für eine Präsentation (Text, Audio, Bildmaterial und Video) nach vorgegebenen Kriterien auswählen
  • eine Präsentation von Lern- und Arbeitsergebnissen sach- und situationsgerecht gestalten

Im Bereich Produzieren sollen Schülerinnen und Schüler u.a.

  • Medien-Technik einschließlich Hard- und Software nach Vorgaben einsetzen
  • grundlegende Funktionen von Textverarbeitungs- sowie Grafik-, Bild-, Audio- und Videobearbeitungs-Programmen nutzen
  • mediale Gestaltungs-Elemente (z. B. Bild-, Video-, Audiomaterial) unterscheiden
  • vorhandene Möglichkeiten zur Veröffentlichung eigener Medien-Produktionen prüfen und sie nutzen

Im Bereich Analysieren sollen Schülerinnen und Schüler u.a.

  • das von ihnen genutzte Medien-Angebot beschreiben
  • Merkmale, Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Medienarten benennen
  • ausgewählte Kriterien zur Unterscheidung fiktionaler und nicht-fiktionaler Medien-Formate und -angebote benennen

Im Bereich Reflektieren sollen Schülerinnen und Schüler u.a.

  • die Bedeutung von Medien-Angeboten (wie z. B. soziale Netzwerke, Computer-Spiele) für ihren Alltag beschreiben
  • Chancen (z. B. zeit- und ortsunabhängige Kommunikation) und Risiken (z. B. Cyber-Mobbing) des eigenen und fremden Mediengebrauchs diskutieren
  • anhand eigener Medien-Erfahrungen zwischen medial vermittelter und realer Welt unterscheiden

Das sind keine Empfehlungen eines Lobbyvereins für digitale Bildung. Die könnten Schulen ignorieren. Das ist der Rahmenlehrplan des Landes Berlin, ein staatliches Dokument. Die Schulen sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass alle Kinder und Jugendlichen diese Lernziele erreichen. Kurzum: Die SchuleEins unterrichtet ihre Schülerinnen und Schüler rahmenlehrplankonform. Wer hätte das gedacht?

Medienbildung – Vorgaben der Kultus-Minister-Konferenz (KMK)

Diese Standards basieren im Übrigen auf dem Kompetenzmodell der Kultus-Minister-Konferenz (KMK) aus dem Jahr 2016/2017. Dieses beschreibt auf 10 Seiten ähnliche Kompetenzbereiche:

  • Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren
    • Suchen und Filtern
    • Auswerten und Bewerten
    • Speichern und Abrufen
  • Kommunizieren und Kooperieren
    • Interagieren
    • Teilen
    • Zusammenarbeiten
    • Umgangsregeln kennen und einhalten (Netquette)
    • An der Gesellschaft aktiv teilhaben
  • Produzieren und Präsentieren
    • Entwickeln und Präsentieren
    • Weiterverarbeiten und Integrieren
    • Rechtliche Vorgaben beachten
  • Schützen und sicher agieren
    • Sicher in digitalen Umgebungen agieren
    • Persönliche Daten und Privatssphäre schützen
    • Gesundheit schützen
    • Natur und Umwelt schützen
  • Problemlösen und Handeln
    • Technische Probleme lösen
    • Digitale Werkzeuge bedarfsgerecht einsetzen
    • Eigene Defizite ermitteln und nach Lösungen suchen
    • Digitale Werkzeuge und Medien zum Lernen, Arbeiten und Problemlösen nutzen
    • Algorithmen kennen und formulieren
  • Analysieren und Reflektieren
    • Medien analysieren und bewerten
    • Medien in der digitalen Welt verstehen und reflektieren

All das sind Kompetenzen, die, gemäß KMK, in der allgemeinbildenen Schule, also bis zur 10. Klasse erworben werden sollen. Die meisten Schulen (in Berlin) richten sich danach nich. Ihnen ist nicht nur der Rahmenlehrplan egal. Auch Vorgaben der KMK werden bewusst ignoriert oder sie sind höchstwahrscheinlich nicht bekannt.

Nun könne man behaupten, das seien alles Vorgaben, die nur einen Empfehlungscharakter aufweisen. Falsch gedacht! Zumindest die Standards der Medienbildung in Berlin sind im Schulgesetz verankert.

Was sagt das Schulgesetz?

Im §12 des Berliner Schulgesetzes ist das Thema Medienbildung auch wiederzufinden:

(4) Übergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule werden als Querschnittsaufgaben in den Fächern, fachübergreifend, in Lernbereichen und im Rahmen spezifischer Angebote und Projekte der Schule berücksichtigt. Querschnittsaufgaben sind insbesondere Sprach- und Medienbildung (…). Die Schulkonferenz entscheidet auf Vorschlag der Gesamtkonferenz, wie die Querschnittsaufgaben bei der Ausgestaltung des Schulprogramms berücksichtigt werden. 

Diese Vorschrift muss in Verbindung mit § 2 SchulG Berlin betrachtet werden. Diese sieht ein Recht auf eine „zukunftsfähige“ Bildung vor:

(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf zukunftsfähige, diskriminierungsfreie schulische Bildung

Die SchuleEins in Pankow setzt jetzt Smartphones im Unterricht ein. Einfach so. Weil sie es kann. Und muss. Steht ja im Rahmenlehrplan. Und im Schulgesetz.Sehr konservativ, könnte man meinen.

Und die weiteren Schulen, die keine Medienbildung anbieten? Diese verstoßen nicht nur gegen den Rahmenlehrplan, sondern auch gegen das Schulgesetz, indem sie Schülerinnen und Schüler ihr Recht auf eine zukunftsfähige Bildung vorenthalten. Eigentlich müsste es jetzt Sammelklagen geben. Oder?

„News is what’s different.“ – Ist der Erwerb von Medienkompetenz an Schulen eine Nachricht wert?

Warum ist der Erwerb von Medienkompetenz mittels „Smartphone-Führerschein“ in der Pankower SchuleEins eine Nachricht wert? Warum ist Medienbildung nicht längst Alltag in Berlin?

„News is what’s different.“ heißt es im Journalismus. Digitale Bildung ist scheinbar immer noch anders, neu und irgendwie aufregend. Dass es das tatsächlich ist, zeigt eine Pankower Facebook-Gruppe. Dort fielen mir diese Kommentare zum Bericht des Berliner Kuriers auf:

Lernen die überhaupt noch selbst mit eigener Hand schreiben? Oder gehen die dann später zur Volkshochschule um da dann lesen und schreiben zu lernen?

Sollten sie nicht lieber erstmal richtig lesen und schreiben lernen ??

Das ist ein Witz?? Oder?

Ich weiß nicht, ob es Neid, Missgunst oder die Angst vor dem Neuen ist. Die Bedeutung der digitalen Bildung ist scheinbar in der Gesellschaft noch lange nicht verankert. Das ist schade.

Vor allem die Vorstellung, Schülerinnen und Schülern würden heute nicht mehr lernen, zu lesen und zu schreiben ist völlig irre. Für das Analysieren und Produzieren von Medien ist Lesen und Schreiben eine wichtige Voraussetzung, die selbstverständlich im Zuge der Digitalisierung der Bildung nicht abgeschafft wird. Wer eine Grundschule in Berlin besucht, wird zahlreiche Kinder sehen, die mit der Schreibschrift sich herumschlagen. Da hat sich nichts geändert. Und von Klasse 7 bis 10 werden im Deutschunterricht „Ganzschriften“ gelesen: Romane und Jugendbücher. Und das ist auch gut so. Denn Kinder und Jugendliche müssen die analoge Welt verstehen, aber eben auch die digitale. Beides gegeneinander auszuspielen ist nicht zielführend. 

Die SchuleEins bietet eine zeitgemäße Medienbildung an. Ja, und? Das ist ihr Job.

Die SchuleEins hat auf den Artikel des Berliner Kuriers bisher nicht reagiert. Die Webseite der privaten Gemeinschaftsschule ist laut dem Träger „Pankower Früchtchen gGmbH“ in den Osterferien, wie die gesamte Schule. Der „Schüler-Blog“ – ja, die Schülerinnen und Schüler der SchuleEins produzieren Content im Internet – rahmenlehrplankonform! – ist aber online. Dort geht es aktuell um Dänemark, Moderne Kunst und Hunde. „Medienarbeit“ ist im „Schüler-Blog“ eine eigene Rubrik. Dort finde ich zahlreiche Artikel über Computerviren, Cybermobbing, Datenschutz-Workshops in der Oberstufe und vieles mehr. Außerdem lese ich, dass die SchuleEins ein „mobiles Klassenzimmer“ eingerichtet hat. Dort können sich Schülerinnen und Schüler Tablets auleihen. Das klingt großartig. Aber eigentlich macht die SchuleEins nur ihren Job: Sie bereitet Kinder und Jugendliche auf das 21. Jahrhundert vor. Welchen Grund gibt es, darüber im Berliner Kurier zu berichten? Wieso regen sich Leute bei Facebook über die die Umsetzung des Rahmenlehrplans in einer Berliner Schule auf? Ein Smartphone bedienen können? Das wird man ja wohl noch lernen dürfen! Oder? 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.