Nutzen Jugendliche das Internet als Bildungsmaschine? – Eine zweite Replik auf Sascha Lobo

Sascha Lobo - Selfie

Sascha Lobo

Sascha Lobo hat in seinem Podcast auf meinen letzten Blog-Beitrag geantwortet. Seine kritischen Anmerkungen haben mich dazu bewogen, einige meiner Ausführungen noch einmal zu reflektieren. Dazu gehört u.a. mein Blick auf „die Jugendlichen“ einerseits und „das Internet“ anderseits. Nach seinen Ausführungen räume ich ein: Ja, das Internet kann als „Bildungsmaschine“ genutzt werden. Ja, Jugendliche können die Informationen des Internets im Rahmen einer „selbstbestimmten Lernkultur“ kognitiv verarbeiten. Aber: Was für die einen Jugendlichen gilt, muss für die anderen Jugendlichen noch lange nicht gelten. Hier nun ein Plädoyer für mehr Differenzierung. 

Ab Timecode 48:06 geht es los: Sascha Lobo greift meinen Blogbeitrag in seinem Podcast auf. Für seine konstruktive Kritik bedanke ich mich. Er ist der erste, der diesen relativ jungen Blog in die breite Öffentlichkeit trägt und somit einem größeren Publikum zugänglich macht. Dafür bedanke ich mich herzlich.

Seine Kritik hat mich bewogen, meinen Blogbeitrag zu überdenken.

Zunächst: Dass ich ihm unterstellt habe, er habe „keine Ahnung von Bildung“ war irrational und falsch. Da gibt es meinerseits nichts zu relativieren. Die entsprechende Zeile wurde beireits kurz nach der Veröffentlichung geändert.

Der Bildungsbegriff der Öffentlichkeit und der Journalismus

Dass Lobo in seiner SPIEGEL-Kolumne, wie er behauptet, mit einem Bildungsbegriff agiert, der in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist eine journalistische Perspektive, die ich zwar einerseits nachvollziehen kann, anderseits aber für bedenkenswert halte. Dabei stellt sich mir die Frage: Von welcher Öffentlichkeit redet Lobo? Wer ist seine Zielgruppe? Wer ist seine Persona? Offenbar nicht der Professor für Bildungswissenschaften. Geschenkt. Offenbar auch nicht der studierte Lehrer. Geschenkt. Scheinbar aber auch nicht die Mutter, die sich sorgt, dass in der Schule des Kindes nur auswendig gelernt wird, dass die Schüler sich dort nicht mehr anstrengen, dass vieles „da rein und da raus“ vermittelt wird, die sich mehr „Transfer“ wünscht. Oder der Vater, der meint, dass es auf dem Gymnasium des Kindes viel zu schwere Aufgaben gibt, bei denen er nicht mehr helfen kann. Dass die Öffentlichkeit einen Bildungsbegriff nutzt, der darauf hinausläuft, sich nur zu informieren, halte ich nach dem Pisaschock und nach der anschließenden öffentlichen Debatte um den Frontalunterricht und um das „Bullimie-Lernen“ für fragwürdig. Ich glaube, Lobo sollte die Öffentlichkeit nicht unterschätzen.

Im Übrigen halte ich es auch für die Aufgabe des Journalismus‘, die Bevölkerung aufzuklären, wozu auch gehört, simplifizierte und falsche Vorstellungen über Begriffe zu korrigieren. Zumindest sollte man es versuchen.

Lobo ist meiner Meinung nach auch nicht gezwungen, Begriffe der Bevölkerung zu übernehmen. Das tut er auch nicht, wenn er über „die Jugend“ redet. Denn er benutzt offensichtlich nicht die Jugendklischees der Öffentlichkeit („Die daddeln ja nur Spiele auf ihren Handys.“), sondern verwirrt seine Leserinnen und Leser mit einer völlig anderen Vorstellung von „der Jugend“, worauf ich im Folgenden eingehe.

Die Notwendigkeit der Differenzierung I: „Die Jugend“

Lobo greift einen kontroversen Satz aus meinem Artikel auf, der zu Recht auf den Prüfstand gehört:

Wenn Jugendliche heute YouTube schauen, dann lediglich in einer konsumierenden Haltung ohne jede geistige Anstrenung, was letztlich dazu führt, dass vieles gar nicht verstanden wird, vieles nur wiederholt wird und bald wieder vergessen wird.

Der Satz kann, wenn ich ihn heute, mit einem gewissen zeitlichen Abstand lese, nur falsch sein. Denn er impliziert einen Dissens an „die Jugendlichen“, worauf Lobo in seinem Podcast zu Recht hinweist. Im Grunde sage ich: Die Jugendlichen seien alle hedonistisch veranlagt. Sie seien nur an Konsum orientiert, wenn sie das Internet nutzen. Witzigerweise sind es genau solche Sätze, die mich in Gesprächen immer aufregen und nun benutzte ich sie selbst. Natürlich ist das ein Klischee, mit dem ich hier gearbeitet habe, um nicht zu sagen: eine Verleumdung einer Generation. Ein Faux-Pas, der mir eigentlich nicht unterlaufen sollte.

Aber: Lobos Gegenargument, die Medien-AG des  „Netzlehrers“ Bob Blume, den ich im Übrigen sehr schätze, beweise das Gegenteil, weil die Jugendlichen dort YouTube-Videos nicht nur konsumieren, sondern auch kognitiv verarbeiten, indem sie die Inhalte der Videos weiter bearbeiten, ist zu kurz gedacht. Denn: Eine Medien-AG ist eine Medien-AG und nicht „die Jugend“. Auch die von Lobo erwähnte Bewegung „Fridays for Future“ ist – auch wenn Journalisten dies stets behaupten – nicht „die Jugend von heute.“ Ich kann mich an die U-18-Wahl 2004 erinnern, in der bereits umweltschutzorientierte Jugendliche auf die Auswirkungen des Klimawandels hingewiesen haben. Aber damals wie heute gilt: Es handelt sich um einen Ausschnitt einer Generation. Nicht umfassend um „die Jugend“.

Offensichtlich wird das beim Betrachten der verschidenen Sinus-Jugend-Milieus. Nach diesen zu urteilen, zieht Lobo v.a. sozioökologische und expeditive Jugendliche heran, die einen hohen Grad an Eigenverantwortung vorzeigen können und die auch ohne (oder trotz) Schulen viel lernen. Das ist aber nur ein Teil der Jugend.
Ich dagegen zog die experimentalistischen und materialistischen Hedonisten heran, die das selbstgesteurte Lernen ablehnen oder damit überfordert sind („Was soll ich machen?“) und das Internet statt zum Lernen zum Konsum nutzen (Stichworte: „Netflix & Chill“). Kurzum: Lobo und ich reden über den Umgang verschiedener Jugend-Milieus bei ihrem Umgang mit dem Internet.

Das heißt nun: Weil ein Teil der Jugend selbstbestimmt im Internet lernt, könnte die Schule ihren Bildungsauftrag für diesen Teil der Jugend ad acta legen, aber nur für diesen. Den Bildungsauftrag der Schule komplett aufzulösen, würde bedeuten, dass der weitaus größere, andere Teil der Jugend „lost in space“ wäre.

Einige Jugendliche heranzuziehen, um feststellen, dass diese auch ohne Schule eine eigene Lernkultur entwickeln, ist im Übrigen nichts Neues. Bereits Montessori hat von der „vorbereiten Umgebung“ gesprochen und gemeint, dass Kinder und Jugendliche selbstgesteuert lernen, sich selbst Aufgaben stellen und versuchen diese zu lösen. Weltberühmt ist die Geschichte des Jungen, der in einem Montessori-Lernhaus zehntausende Steinchen durch die ganze Schule gelegt haben soll, um festzustellen, wie groß Zahlen sind. Von sich aus. Montessori würde heute das Internet als vorbereitete Umgebung bezeichnen, reich an Material zum Lernen. Wahrscheinlich wäre sie e-Learning-Entwicklerin heute.

Aber: Zahlreiche Montessori-Schulen schicken viele Schülerinnen und Schüler wieder zurück in die Regelschule, weil sie mit Freiheiten nicht umgehen können. Es gibt auch die Geschichte von dem Jungen aus New York, der in einer reformpädagogischen Schule gefragt haben soll: „Müssen wir heute wieder lernen, was wir wollen?“. Ja, es gibt Schüler, die können mit Freiheiten schlecht umgehen, finden daher auch keine Orientierung im Wildwuchs des Internets, v.a. Schüler aus konservativen und bildungsfernen Elterhäusern. Die haben tausende Fragezeichen im Kopf und verzweifeln, können Informationen weder filtern, noch sind sie kogntiv in der Lage, sich eigene Aufgaben zu stellen. Diese freuen sich über jemanden, der sie an die Hand nimmt, sie beim Lernprozess begleitet, der ihnen Strukturen vorgibt und Richtlinien.

Wie nun weiter mit der Bildung in Deutschland?

Wie nun weiter mit der Bildung in Deutschland könnte man fragen? Wie könnte eine Gsellschaft aussehen, die das selbstgesteuerte Lernen von Jugendlichen fördert und gleichzeitig Strukturen für orientierungslose Jugendliche anbietet?

Eine Lösung, die seit Jahrzehnten breit diskutiert wird und mit der Fridays for Future-Bewegung wieder an Fahrt aufnimmt, ist die Abschaffung der Schulpflicht. Dafür sprechen sich sogenannte Freilerner-Familien aus. Sie meinen: Wäre Schule freiwillig, dann würde der Jugendliche hingehen, der sie braucht und der Rest lernt halt woanders, in Bibliotheken, bei Mama am Küchentisch oder eben im Internet, vielleicht auch mal im Wald. Das ist in vielen europäischen Ländern unter verschiedenen Bedingungen (z.B. bei regelmäßiger Prüfung durch Behörden) erlaubt. In Deutschland ist Freilernen verboten, die Schulpflicht wird hier hochgehalten. Dass das zum Problem werden kann, erleben die Kids von Fridays for Future zurzeit, die, zumindest in Berlin, nach dem Demonstrieren, sich in Eigenverantwortung im Naturkundemuseum fortbilden und für diese außerschulische Bildung die schulische Bildung einfach schwänzen. 

Andererseits plädiert David Richard Precht dafür, die Schule zu verkürzen und nach dem 6. Schuljahr das Projeklernen einzuführen, in der Kinder und Jugendliche individuell lernen könnten, z.B. mit dem Internet – in der Schule. Eine Idee, die mir sehr gefällt. Das setzt aber eine Reform der Schule voraus, um nicht zu sagen: Eine Bildungsrevolution, die mit dem heutigen Personal und mit der Bildungspolitik zurzeit (noch) nicht zu bewältigen ist. Mal abgesehen von der Finanzierung.

Die Notwendigkeit der Differenzierung II: „Das Internet“

Ich behaupte weiterhin in meinem Beitrag:

Das Internet bietet im Gegensatz zur Schule lediglich Informationen an. Die Videos bei YouTube sind nicht interaktiv: Sie sind didaktisch nicht aufbereitet. Sie enthalten keine kognitiven Anregungen, keine Aufgaben. Es muss geistig nicht viel geleistet werden, außer Informationen aufzunehmen. Das Internet ist somit keine Bildungs-, sondern eine Informationsmaschine.

Zu Recht weist Sascha Lobo auf den Umstand hin, dass es im Internet sehr wohl didaktisch aufbereitete Materialien gibt, auch bei YouTube. Dazu sei gesagt: Ja richtig.

Selbstverständlichlich gibt es Lernplattformen im Internet. Ich selbst habe bei Udemy Kurse belegt, u.a. zur Produktion von Erklärvideos oder zu Articulate Storyline. Zurzeit lerne ich Webentwicklung bei Udemy. Meinen Nachhilfe-Schülern habe ich früher Sofatutor empfohlen. Und ja, diese Angebote sind didaktisch aufbereitet: Die angebotenen Kurse enthalten logisch aufeinander aufbauende Lektionen, inkl. Einstiege und Ausstiege. Und viele sogar Aufgaben. Udemy vergibt sogar Zertifikate, wenngleich deren Anerkennung auf dem Ausbldungs- und Arbeitsmarkt zumindest hier in Deutschland eine Frage wäre, die mal geprüft und diskutiert werden müsste.

Aber: Von diesen Online-Academys gibt es viel zu wenige, viel zu wenig deutschsprachige und viel zu wenige für Kinder und Jugendliche. Die Angebote sind kostenpflichtig und können von sozial schwachen Familien nicht bezahlt werden. Die Themen sind weitesgehend zielgruppenspezifisch profitorientiert ausgewählt.

Die Folge: Es wird gelernt, was interessant ist oder was Firmen oder Vereine meinen, was interessant sei, aber nicht das, was (zurzeit noch) im Rahmenlehrplan steht, was Kultusministerien für wichtig halten (was man natürlich auch kritisieren kann) oder was – das darf man nicht vergessen – für das Bestehen von Abschlussprüfungen notwendig ist.

Von daher: Im E-Learning-Entwicklungsland, in der Digitalisierungswüste Deutschland, davon zu sprechen, dass das Internet eine Bildungsmaschine sei, weil es einige wenige deutschsprachige Bildungsangebote für einige wenige Jugendliche im Internet gibt, ist wohl zu früh. Leider.

Wird durch digitales, selbstgesteurtes Lernen die Lehrkraft überflüssig?

Lobo unterstellt mir, ich würde für die Bildungsinstitutuon Schule argumentieren, weil ich als Lehrer Angst hätte, überflüssig zu werden. Dem kann ich entgegnen, dass diese vermeintliche Angst bei mir ganz sicher nicht vorhanden ist.

Erstens bin ich kein Lehrer mehr, sondern habe als e-Learning-Autor in den letzten Jahren vor allem Unterrichtsmaterialien konzeptioniert und entwickelt.

Außerdem zeigen zahlreiche Studien, dass das eigenverantwortliche Lernen mit dem Internet bei Schülern (und bei Erwachsenen) zwar beliebt ist (bei weitem auch nicht bei allen), aber trotzdem ein Bedarf nach Begleitung gewünscht wird. Das Gepräch mit den Autoren der e-Learning-Einheiten über diese, die Diskussion über bestimmte Inhalte, ist ein Bedarf von Lernenden, der nicht unterschätzt werden sollte. Daher haben sich viele e-Learning-Angebote, die zunächst auch aus Kostengründen, auf das Selbststudium ausgelegt waren, sich inzwischen zu Blended-Learning Angeboten weiterentwickelt, also zu e-Learning-Kursen mit Präsenzphasen, in denen man sich real in echten Räumen trifft (und sich kennenlernt und viel Kaffee trinkt). In der universitären Lehre, wie in der Weiterbildung, sind Blended-Learning Angebote sehr beliebt. Auch Schüler wünschen sich Ansprechpartner. So bietet sofatutor auch eine Begleitung durch Lehrkräfte an.

Viele e-Learning-Angebote integrieren auch Kommunikationseinheiten in ihre Kurse: Chatangebote (mit bestimmten Zeitfenstern), Foren und Optionen der tutoriellen Begleitung von Kursen.

In dem Sinne wandelt sich die Rolle des Lehrenden vom Frontalunterrichtenden zum Begleitenden. Das war und ist in der Reformpädagogik auch nichts Neues. Diese spricht seit Jahren vom Lernbegleitern. Das macht mir keine Angst, sondern ist aus meiner Sicht ein Fortschritt.

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