Das Internet ist keine Bildungs-, sondern eine Informationsmaschine – Eine Replik auf Sascha Lobo

Schule

Bildung ist mehr als das Erfassen von Informationen.

Mehr Erziehung, weniger Bildung. So lässt sich Sascha Lobos neue SPIEGEL-Kolumne in wenigen Worten zusammenfassen. Lobo stellt fest, dass sich „die Jugend“ heute im Internet, v.a. bei YouTube, informiert. Schulische Bildung sei somit redundant geworden. Gleichzeitig stellt er ein „Integrationsversagen“ fest. Und einen Werteverfall. Daher sei es nun an der Zeit, die Schule von einer Bildungs- zu einer Erziehungsanstalt zu transformieren. Dem muss widersprochen werden: Lobo nutzt einen veralteten, passiven Bildungsbegriff und ignoriert dabei die Didaktik.

Sascha Lobo hat Recht: Jugendliche nutzen heutzutage das Internet, um sich zu informieren. Ihr hauptsächliches Medium ist dabei das Video. Laut einer Studie des „Rats für kulturelle Bildung“ nutzen 86% der Jugendlichen in Deutschland YouTube, um sich Wissen anzueignen. Völlig richtig schreibt Lobo:

Woher aber haben die Kinder und Jugendlichen ihr umfassendes Wissen? Nicht aus der Schule, sondern von YouTube, lautet die Antwort.

Soweit so gut. Aus dem Fakt heraus, dass Schülerinnen und Schüler sich im Internet informieren, schließt nun aber Lobo:

Allen negativen Seiten zum Trotz ist das Internet auch immer noch die mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine.

Redete er bisher von Wissen, kommt nun der Bildungsbegriff ins Spiel, als Synonym für Wissen. Wissen ist aber nicht Bildung.

Was ist Bildung im schulischen Sinne?

Die Bereitstellung von Informationen, sei es im Internet oder in einer Bibliothek, hat nichts mit Bildung zu tun. Auch das Konsumieren von Informationen, z.B. mittels Video bei YouTube, hat nichts mit Bildung zu tun. Nein, man ist nicht gebildet, wenn man etwas gesehen hat.

Was ist nun also Bildung? Ich könnte mich weit aus dem Fenster lehnen und zahlreiche Pädagogen und Philosophen zitieren, allen voran: Wilhelm von Humboldt. Wir bleiben aber in der Schule. Daher reicht es aus, einen Blick in die Rahmenlehrpläne zu werfen, z.B. in den Rahmenlehrplan für die Bundesländer Berlin und Brandenburg. Darin ist zu lesen, was die Schule unter Bildung versteht (Hervorhebungen von mir): 

Um bereits vorhandene Kompetenzen weiterzuentwickeln und neue zu erwerben, werden gezielt Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aufgebaut und vielfältig angewandt. Zunehmend werden im Verlauf der Schulzeit fachliche Grenzen überschritten und vernetztes Denken und Handeln gefördert.

Somit wird klar: Die Aufgabe der Schule besteht nicht nur darin, Wissen bereitzustellen, wie das Internet es tut. Ziel der Bildungsinstitution Schule ist es vor allem, junge Menschen anzuregen, mit dem Wissen (bzw. mit den Kompetenzen), das sie besitzen, kognitiv zu interagieren: Wissen soll nicht nur aufgenommen werden. Es muss auch verstanden werden, verinnerlicht und bearbeitet werden. Wissen soll in Beziehung gesetzt werden, z.B. mit der eigenen Lebenswelt. Wissen soll mit anderem Wissen verglichen werden. Wissen soll analysiert und interpretiert werden. Wissen soll beschrieben, erklärt, erläutert, erörtert und diskutiert werden. Wissen soll auch kategorisiert, eingeordnet, kritisiert und bewertet werden. Und so aufbereitet (und reduziert) werden, dass es präsentiert werden kann (z.B. in Referaten). All das, all diese kognitiven Handlungen sind Bildungsprozesse. Kurzum: Bildung ist ein kognitiver Arbeitsprozess, kein Bestand an Informationen. Man ist nicht gebildet, man bildet sich (fort). Bildung heißt nachdenken!

Warum eigentlich? Warum die Anstrengung? Warum nicht einfach informieren, wenn man etwas lernen will? Der Grund ist einfach zu erklären: Um Wissensbestände im Gehirn langfristig zu speichern, um es jederzeit abrufen zu können, ist es notwendig, es vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu transferieren. Das gelingt nur mittels Arbeitsgedächtnis, also mit kognitiver Anstrengung. Daher reicht es nicht aus, ein YouTube-Video zu konsumieren. Man muss mit dem Wissen aus dem Video auch kognitiv irgendetwas tun, um es nicht wieder zu vergessen.

Und natürlich muss man es auch verstehen und erklären können, mit den berühmten „eigenen Worten“. Dazu gehört, es in die eigene Lebenswelt einzuordnen, also sich zu fragen, wozu man das Wissen braucht. Und ja, ich weiß, der Schule gelingt dieser Anspruch in der Praxis nicht immer. Aber manchmal eben doch.

Die Notwendigkeit der Didaktik für den Bildungsprozess

Die Bildungsinstututuion Schule hat also den Anspruch, nicht nur Informationen bereitstellen, sondern auch Schülerinnen und Schüler anzuregen, mit Wissen zu arbeiten. Das geschieht mit Aufgaben. Diese fordern zu kognitiver Tätigkeit auf. Sie beginnen mit „Beschreibe …“, „Analysiere …“, „Vergleiche …“ usw. Diese Gestaltung eines Bildungsprozesses mittels kogntiv anregender Aufgaben wird Didaktik genannt. Jede Lerneinheit, jedes Kapitel in jedem Schulbuch, jede Schulstunde, beinhaltet solche geistigen Anforderungen. Häufig gibt es sie in der Mitte der Stunde, in der Phase der Erarbeitung. Und ja, diese sind anstrengend.

Diese Notwendigkeit der Didaktik für den Bildungsprozess (in der Schule) wird von Sascha Lobo ignoriert. Bildung wird von ihm lediglich als passiver Konsum von Informationen beschrieben, ohne jede kognitive Leistung. Getreu nach dem Nürnberger Trichter. Wir wissen aber seit Jahrzehnten: Der Menschen ist ein kognitives Wesen, das sich mit Informationen aktiv auseinandersetzen muss, um es als Wissen im Kopf zu behalten.

Das Internet ist keine Bildungs-, sondern eine Informationsmaschine

Das Internet bietet im Gegensatz zur Schule lediglich Informationen an. Die Videos bei YouTube sind nicht interaktiv: Sie sind didaktisch nicht aufbereitet. Sie enthalten keine kognitiven Anregungen, keine Aufgaben. Es muss geistig nicht viel geleistet werden, außer Informationen aufzunehmen. Das Internet ist somit keine Bildungs-, sondern eine Informationsmaschine.

Wenn Jugendliche heute YouTube schauen, dann lediglich in einer konsumierenden Haltung ohne jede geistige Anstrenung, was letztlich dazu führt, dass vieles gar nicht verstanden wird, vieles nur wiederholt wird und bald wieder vergessen wird. Und gerade weil sich Jugendliche heute im Internet lediglich informieren, dort aber nichts wirklich verstehen und verinnerlichen, ist es notwendig, mehr und nicht weniger Bildung einzufordern. Oder besser: eine andere, eine angemessenere, eine zeitgemäße Bildung, die das Wissen im Internet didaktisch aufbereitet, z.B. als e-Learning. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Videoinhalten gelingt beispielsweise nur dann, wenn das Video stoppt und Aufgaben zum Inhalt des Videos bereitgestellt werden, die das Gedächtnis ansprechen. Solche interaktiven Videos bräuchte es an Schulen. Leider gehören sie (noch) nicht zur Standardausstattung. 

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